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Chaos und Ordnung – Wie Neues Entsteht.

Wenn ich mit Leuten über Innovation, innovative Projekte und die unvermeidliche Notwendigkeit von Veränderungen rede, gibt es zumeist zwei Wortmeldungen:

  1. „Das ist doch nichts Innovatives, das haben wir schon mal gemacht.“
  2. „Das ist ja alles schön und gut, aber wer soll so was denn machen? Ich habe dafür keine Zeit / Ressourcen.“ 

In diesen beiden Fragen steckt ein grundlegendes Problem, wenn es um Innovation geht: Wie sieht Innovation aus und wie schaffe ich mir selber Raum, um Innovativ zu handeln?

Wie neu muss Innovation sein?

Etwas Innovatives ist nicht auf einmal da und zuvor noch nie gesehen worden. Es ist nichts Neues, noch nie dagewesenes, zudem mensch sich verhalten muss. Schon der Prediger aus Kohelet stellt als seine wichtigste Erkenntnis fest: „Windhauch. Windhauch. Es gibt nichts Neues unter Gottes Sonne.“ Innovatives ist nicht der Schöpfung hinzugefügt, sondern aus ihr heraus entwickelt.

Die digitale Datenverarbeitung basiert auf 0 und 1, auf Mathematik und elektrischen Impulsen. Super schnelles Internet über Glasfaser basiert auf Licht. Und auch der Thermomix ist letztendlich nur ein Kochtopf, mit Klimbim und Rezeptbuch.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Gottes Schöpfungskraft selbst nicht aus noch-nie-dagewesenen erstellen besteht, sondern ans Chaos schaffen und Neuordnen. Gott erschafft zu Beginn in im Anfang Himmel und Erde als pures, ungetrenntes Chaos (Tohuwabohu) und verbringt die nächsten 7 Tage damit Dinge aus dem Chaos heraus zu ordnen: So wird Land & Wasser getrennt, Lampen als Sterne platziert und Arbeit von Ausruhen unterschieden.

Chaos in einem Innovationsprozess meint: Aktuelle Abläufe und Prinzipien zu hinterfragen und neue Elemente außerhalb des eigenen Systems zu suchen. Die Elemente für eine Fortentwicklung finden sich selten in Dingen, denen man einen direkten Bezug zum gewünschten Ziel zuordnet.

So entstand die Idee für Klettverschlüsse den Ingenieur Georges de Mestral bei einem Spaziergang mit seinem Kind, der sich Früchte der Kletterpflanze einfing. Oder der Kaffeefilter bei dem Melitta Benz das Abfallprodukt Löschpapier aus dem Heft ihres Sohnes, nutzte, um den ersten Einwegpapierfilter zu entwickeln.

Dieses Phänomen, der zufälligen, oft auch für den*die Erfinder*in überraschenden Erkenntnis, trägt den Namen Serendipität. Serendipität umfasst dabei mehr als „glücklicher Zufall“, weil es auch die jahrelange Forschung davor, und die Beschäftigung mit der Idee und der Einordnung der Erkenntnis als ganzen Prozess, der letztendlich zum scheinbar zufälligen Ergebnis führt, mit einbezieht.

Erst das Schaffen von Chaos, das Weiten des Blicks auf fremde Elemente, hat den Ansatzpunkt für eine neue Erfindung erst ermöglicht.

Innovation besteht nicht aus etwas Neuem, sondern aus geschaffenem Chaos, das neu zusammengesetzt wird,

Bausteine der Innovation

Dieser Prozess des Chaos schaffen und Neuordnen ist vergleichbar mit einem Prozess aus dem Kinderzimmer: Das Spielen mit Lego. Zum Beginn des Spiel sieht es meistens so aus, dass es Bausteine gibt, die in einem Set gekauft werden, eine Anleitung und nach Anstrengung ein Ergebnis.

Abb. 1: Auftrag, Anleitung, Ergebnis. Zack fertig: Das immer Gleiche. 

Wenn nach Abschluss dieses Prozesses wieder etwas Neues gebaut werden soll, gibt es zwei Möglichkeiten: Die einfachste Möglichkeit ist es, ein neues Set zu kaufen, dass entsprechend der Anleitung zum fest definierten Ziel aufgebaut werden kann. Ist das nicht möglich oder nicht gewollt, müssen bisherige Ergebnisse kaputtgemacht werden. Dabei gilt es zu entscheiden, welche Sache am ehesten nicht mehr gebraucht werden. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann war die Frage nach dem Kaputt machen meine größte Herausforderung. Oft endete es auch dabei, dass ich, weil ich mich nicht entscheiden konnte, woher ich die Bausteine nehmen soll, mich lieber langweilte als neuzustarten.

Doch das Chaos schaffen in einem Innovationsprozess bedeutet, liebgewonnenes, das keinen nutzen mehr hat, auch zu zerstören, um Ressourcen (und das ist meistens auch Zeit) für Neues freizulegen.

Abb. 2: Die gleiche Anleitung führt zum selben Ergebnis. 

Nimmt mensch die freigewordenen Ressourcen und baut sie erneut nach der Anleitung auf, kommt die Person erneut zum selben Ergebnis. In diesem Prozess wird zwar Chaos geschaffen, aber es entsteht nichts Innovatives, da das Ergebnis am Beginn des Prozesses bekannt ist. Es gibt eine Aufgabe, eine Schritt-für-Schritt Lösungsvorgabe und ein Ergebnis, das bekannt ist. In einem solchen Prozess ist auch die Person, die aufbaut austauschbar.

Kinder haben im Aufbau von Lego einen entschiedenen Vorteil gegenüber Erwachsenen: Sie bauen selten nach Anleitung, sondern aus einer Idee heraus. Wenn etwas Neues erstellt werden soll, ist es wichtig, dass das Chaos und die freigelegten Elemente, nicht nach der altbewährten Anleitung aufgebaut werden.

Abb. 3: Die Ressourcen mit Vision zu etwas Neuem zusammensetzen.

Es braucht eine Idee für das Ergebnis, nicht eine feste Vorstellung. Ansonsten besteht die Gefahr, dass man aus dem sich geschaffenen Bausteinen nur das Bekannte und immer gleich aufbaut. So kann es schnell passieren, dass mensch denkt er würde innovativ handeln, aber in Wirklichkeit nur etablierte Strukturen wiederherstellt.

Essenziell für einen Innovationsprozess ist die Anleitung durch eine Idee für die Zukunft zu ersetzen. Eine eigene Vision von dem was mensch selber erreichen möchte. Eine gute Möglichkeit ist dabei die Methode des Goldenen Zirkel von Simon Sinnek zu nutzen.

Bei der eigenen Vision geht es um die Frage: Warum mach ich eigentlich das, was ich gerade mache? Dabei bietet die Klärung der Frage eine Möglichkeit Dinge für die Zukunft so zu gestalten, dass sie unabhängig vom Ergebnis sind. Nicht das Produkt, was mir eine Anleitung vorgibt, steht im Mittelpunkt meiner Arbeit, sondern die Vision, die unterschiedliche Dinge aus dem Chaos heraus ordnet.

Die Anleitung bietet Ergebnisse aus der Vergangenheit. Wenn ich diese zugrunde lege für meine zukünftige Arbeit, dann geht meine Ergebnisse in der Gegenwart zurück und nicht voran. 

Es braucht den Blick auf das Chaos mit einer Ahnung, was daraus entstehen könnte, ohne das Ergebnis vorwegnehmen zu wollen, um etwas Neues zu schaffen, dass einen selbst überraschen kann. Etwas was selbst im eigenen Kopf noch nicht da gewesen ist und so auch etwas Innovatives darstellt.

Und auch das gilt es von Zeit zu Zeit wieder zu zerstören.

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Tobias Sauer

Katholischer Theologe, strategischer Kommunikationsberater und Initiator von ruach.jetzt. Auf der Suche nach der Kirche von morgen mit dem Glauben der Menschen von heute.

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